Der innere Krieg – wenn Mamas ihren eigenen Vorwürfen zum Opfer fallen

Als ich 2016 schwanger wurde, ging ich davon aus, wieder in meinem Job einsteigen zu können. Nach einem klärenden Gespräch im November 2016 – also hochschwanger – mit meinen Chefs, war klar, dass diese Vorstellung illusorisch ist. Ich nahm ein Jahr Elternzeit und machte mich auf den Weg, meine Bestimmung zu finden.

Am Ende meiner Elternzeit lernte ich meine heutige Kollegin kennen. Sie gab mir die Möglichkeit, ihre Arbeit kennen zu lernen  UND bestärkte mich, selbst das Heft in die Hand zu nehmen. Kurz darauf begann ich mit dem Studium zur Präventologin. Derzeit arbeite ich also mit ihr zusammen, studiere und bin Mama einer 1,5 Jahre alten Tochter. Einen Betreuungsplatz haben wir derzeit noch nicht.

Wenn das JA zum Beruf zur Kriegserklärung wird

Eine ungemeine Erleichterung ist es, dass ich meine Aufgaben vom Homeoffice aus erledigen kann. Meine kleine Dame ist hier immer um mich herum und hat ihre gewohnte Spielumgebung. Spielgruppen und Spielplätze sind schnell erreichbar. Dem aufmerksamen Leser wird jedoch nicht entgehen, dass ich stets nur eine Sache tun kann… Mit Kunden telefonieren oder an einer Sing-/Spielgruppe teilnehmen. Einen Spielplatz besuchen oder lernen….. und schon gräbt sich das innere Kriegsbeil von ganz alleine aus.

Mama und Selbständige = Kriegerin an DREI Fronten

Ohne Zweifel lasse ich sofort alles Stehen und Liegen, wenn es um das Wohlbefinden meiner Tochter geht! Ihre freche Forschernatur und ihr schelmisches Lächeln sind für mich zum Lebenselixier geworden. Dass ich jedoch zeitgleich meine „berufliche Bestimmung“ finden würde, war so nicht geplant. Die Bezeichnung „Job“ würde diese tolle Aufgabe in die Bedeutungslosigkeit degradieren. Täglich erlebe ich, was nach Abschluss meines Studiums noch alles möglich sein wird. Präventologen sind Menschen, die ihren Fokus auf die Gesundheit richten und dabei ihren realistischen Blick auf  schwächende Faktoren im Leben behalten. Sie erarbeiten für ihre Kunden nicht irgendwelche unrealistischen Ernährungs- und Verhaltenspläne, sondern helfen ihnen vielmehr, selbst (wieder) Herr/Frau ihres Lebens zu werden.

Beides unter einen Hut zu bekommen (ohne Betreuungsplatz und ohne Großeltern in der Nähe) lässt mich beinahe täglich meine Grenzen überschreiten und neu aufstellen. Doch dann kommt noch ein ungebetener „schwarzer Ritter“ hinzu … die Müttermafia. Jene militanten Damen, die mit ihrer ungefragt geäußerten Meinung die innerlichen Schützengräben noch ein bisschen tiefer ausheben. „Also ich könnte das nicht, das Kind steht bei mir an erster Stelle.“, „So wie Du es machst, wäre ich nie genug für mein Kind.“, „Und wie willst Du das mal machen, wenn deine Kleine mal krank ist?“ …. Aussagen, die per se natürlich vollkommen ok sind aber im Zusammenhang und vor dem Hintergrund meines ohnehin zu bewältigenden innerlichen Schlachtfeldes, gleicht jede Aussage eines zusätzlichen Bombenhagels.

Kommunikation, der erste Weg zur Friedenspfeife

Zu allererst habe ich mir abgewöhnt, meine Tochter um Ruhe zu bitten! Denn wie Ihr Euch sicherlich vorstellen könnt, hat eine 1,5-jährige sehr kreative Einfälle, während Mama telefonieren „muss“. Sie darf im Hintergrund laut sein. Meine Gesprächspartner weise ich dann mit einem auflockernden Spruch a la „Keine Sorge, hier im Hintergrund wird gerade nicht unsere neue Alarmanlage getestet oder das Haus abgerissen … es ist lediglich meine kleine Tochter. Ist das ok für Sie oder soll ich sie gleich zurück rufen, wenn es etwas ruhiger ist?“ In den allermeisten Fällen entsteht ein lockeres Gespräch über Kinder und irgendwann kommen wir dann zum geschäftlichen Teil.

Hin und wieder kommt es vor, dass das Schreien keinen spielerischen Ursprung hat. Hingefallen, unzufrieden, Zahnschmerzen, Übermüdung etc…. kann alles vorkommen. Ich rufe dann meinen Gesprächspartner einfach zurück.

So, und jetzt kommt es (ich sehe den Shitstorm schon über mich hereinbrechen): Bei vielen Terminen nehme ich meine Tochter mit. Natürlich kläre ich das vorher bei der Terminvereinbarung ab …. und notfalls verschiebe ich auf einen Tag, an dem mein Mann mich ablösen kann. Ich bin realistisch und weiß, dass es Bereiche gibt, wo ein Kind definiv nicht dabei sein sollte …. es gibt eben keine immer funktionierende Patentlösung.

Gefühlsrealismus – der Frieden in greifbarer Nähe

Auch die folgenden Sätze werden hier einige tief erschüttern. WIR ALLE in diesem Haushalt dürfen zu ihren Gefühlen stehen! Soll heißen: Wir alle dürfen mal laut werden – meine Tochter, mein Mann und ich. Schlagen Versuche fehl, stressige Situationen besonnen zu lösen oder sich einfach mal für einige Zeit aus dem Weg zu gehen, darf es auch mal laut werden. Dabei gelten folgende Regeln:

  1. Wenn möglich, kurz den Raum verlassen um dann
  2. die erste und damit heftigste Wut/Emotion in einen Filter schreien (Kissen).
  3. Unmut beim wirklichen Urspung ablassen! Meistens ist es ein Mix aus nicht funktionierenden technischen Geräten, anbrennender Lebensmittel, roten Ampeln, abgesagter Termine und weinendem Kind. (In solchen Fällen sind angebrannte Kartoffeln ein guter Abnehmer für Flüche, Verwünschungen und Tobsuchtsanfälle!)
  4. ICH-Botschaften (ICH kann mit der Situation gerade nicht umgehen, kein Übertrag auf den anderen. Wäre dann doch etwas unfair den Kartoffeln gegenüber 😉
  5. Auflösung zulassen! Keine unnötige Verlängerung.

In Zeiten der Vereinheitlichung und Anpassung an bestehende Systeme schreit meine Seele nach einer erneuten „Autonomie-Phase“. Seltsam ist: Seitdem ich mir das zugestehe, macht es mir weniger aus, wenn meine Tochter eine solche Phase durchlebt. Gemeinsamkeiten verbinden eben!

Positives Mindset – der Friedensvertrag

Wir alle sind nicht perfekt! … und das Anerkennen dieses Umstandes macht uns nahezu perfekt. Ich stehe dazu, dass ich arbeiten MÖCHTE und meine Tochter überalles liebe! Beides zusammen geht. Ich sage nicht, dass das leicht oder schwer ist. Und für alle Klugsch…..: NEIN, ich habe keinen Masterplan für Krankheit/Schreianfälle/etc…. Es kommt, wie es kommt. Ich habe starke Verbündete an meiner Seite. Menschen, die uns so akzeptieren, wie wir sind.

Und jetzt setze ich noch einen drauf: Letztendlich ist es doch das Problem, dass Kinder in unserer kleinen, feinen, wohlsortierten Welt den ihnen zugewiesenen Platz einzunehmen haben. Wenn die Mama schon arbeiten will, dann muss das Kind betreut werden… und wenn das Kind eben noch nicht soweit ist, dann schaut die Mutter halt „doof aus der Wäsche.“ Naja, dann brauchen wir uns über die hohe Zahl der nicht arbeitenden Mütter nicht wundern. Wage es sich hier bloß keiner, diese Frauen als faul oder arbeitsunwillig abzutun (mag es sicherlich auch geben, bevor wir jedoch auch diese verurteilen, sollten wir ihre Geschichte kennen).

Burnout bei Müttern, Kinder emotional belastet werden, weil sie bereits fremd betreut werden, obwohl sie noch etwas Nestwärme benötigen, Eltern, die aus ihren Leben ausbrechen und zerstörte Familien zurück lassen, weil sie nicht mehr sie selbst sein dürfen. … Meiner Meinung nach oftmals ein Resultat von zu heftig aufgebautem Druck.

Meine Friedensparole

Mehr Flexibilität im Umgang mit Menschen! Ob große oder kleine Menschen, alt oder jung … wir alle wollen nicht in Schubladen gepackt oder über einen Kamm geschert werden. Mamas wollen arbeiten oder fühlen sich in ihrem Beruf als Mama vollkommen angekommen. Frauen wollen Kinder oder eben nicht. Einige Kinder sind früher bereit für Kindergarten/Tagesmutter o. ä., die anderen später. Akzeptieren wir es und gehen wir damit um. Selbstverantwortlich können wir Lösungen suchen/realisieren – unfair wird es, wenn hier von dritter Seite sabbotiert wird.

Macht Euch zu Verbündeten – nicht zu Gegnern.

Kleiner Nachtrag

Natürlich achte ich darauf, dass meine kleine Tochter eine Chance hat zu erkennen, dass ich gerade die Kartoffeln anschreie und nicht sie. Möglichst versuche ich das auch zu tun, wenn sie nicht in unmittelbarer Nähe ist …  nur um ganz sicher zu gehen. Ich freue mich schon jetzt auf den Tag, an dem wir wild fluchend angebrannte Bratkartoffeln über die Wiese werfen, weil wir gemeinsam gelernt haben, unseren Stress abzubauen.

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