Und dann bist plötzlich DU die vegane Mutti mit den zuckerfreien Waffeln – Schubladendenken deluxe

Wenn ich in die Vergangenheit reisen und mir sagen könnte, dass ich mal morgens 8:30 in der Küche stehe um vegane, zuckerfreie Waffeln für die Krabbelgruppe zu backen …. ich glaube mein früheres Ich würde vor Schreck aus dem Fenster springen.

„Öko-Mamas“

So haben wir diese Personen damals genannt (nicht ohne den entsprechenden Tonfall…). Ungeschminkte Frauen mit Hang zur Überfürsorglichkeit, militantem Zucker- und Fleischverweigerungs-Wahnsinn, unordentlichen Haaren und merkwürdigem Kleidungsstil. Quasi das Bio-Siegel schon fast auf die Stirn tattowiert.

Tatsächlich kann ich mich in dieser charmanten Kurzbeschreibung zu einem Teil wiederfinden…. Kurz nach der Stillzeit wurde mein Fleischkonsum immer weniger. Auch auf Milchprodukte und Eier hatte ich plötzlich keinen Hunger mehr. Später dann hörte ich hier und da wieder von diesen fiesen Massentierhaltungen und Schlachtmethoden … naja und dann hatte sich dieses Thema FÜR MICH einfach erledigt. Im Familienbioladen kaufe ich auch zu einem großen Teil.

Hinsichtlich meiner Kleidung … naja ich liebe fair produzierte Öko-Kleidung. Die Auswahl ist mittlerweile riesig und reicht von sportlich bis chic. Also, warum nicht?! Dass ich gerade ungeschminkt mit Haarmaske und Duschhaube vor dem Bildschirm sitze und diese Zeilen tippe erklärt – glaue ich – dann auch den Rest 😉

Schubladendenken deluxe

Ich denke, dass es normal ist, dass wir Menschen manchmal in Schubladen packen. Vielleicht ist das so ein evolutionsbedingtes Ding, das uns früher half zu überleben, indem wir wussten, wer uns gut gesonnen ist und wer nicht …  Meiner Meinung nach ist die Verweildauer in der Schublade und wie fest ich sie verschließe ohnehin viel wichtiger. Bin ich bereit, meine Einschätzung zu überdenken bzw. zu korrigieren? Das hat ja schließlich auch etwas damit zu tun, sich selbst einzugestehen, dass man vorschnell geurteilt bzw. sich geirrt hat. Zwei Gedankengänge, die sicherlich nicht so charmant sind.

Schublade auf – Horizont erweitern

Zu merken, dass ich lebendige Wesen mit Gefühlen und Historie in solche uncharmanten Schubladen packe, war für mich schon etwas befremdliches. Zählte ich mich doch zu den weltoffensten und vorurteilfreisten Menschen dieses Planeten. Doch in Wahrheit gab es recht viele Schubladen in meinem Kopf. Auch heute noch erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich welche aufmache und fleißig reinpacke! Ob es der drängelnde Raser auf der Autobahn ist, der natürlich einen Audi (Markennahme zufällig, könnte auch irgend eine andere sein) fährt …. oder die ältere Dame, die natürlich mit viel Geduld und Kleingeld ihren Wocheneinkauf im Supermarkt bezahlt …. die Blondine, die eine seltsame Frage gestellt hat oder den „gemütlichen“ Mitarbeiter einer öffentlichen Einrichtung.

So lange alle (inkl. der Beschriebene) darüber lachen können, finde ich das alles auch schwer in Ordnung. Folgendes Beispiel zeigt mir aber, dass wir mit solchen Schubladen aufpassen sollten:

Während eines Gespräches kommt das Thema „Veganer“ auf. Mein Gegenüber weiß noch nicht, dass ich sehr gerne vegan esse und auch im Restaurant schonmal nach einer veganen oder vegetarischen Variante eines Gerichtes frage. (Warum auch nicht?!) Kaum fällt das Wort „VEGANER“ verdreht mein Gesprächspartner auch schon die Augen. „Wie erkennt man einen Veganer?“ – „Keine Ahnung?! Am Einkaufskorb?!“ – „Nee. Er sagt es Dir.“ Stille. „Na, die binden einem doch stänig direkt aufs Auge, welcher Gesinnung sie sind. Ständig brauchen sie eine Extrawurst. Dann haben sie noch irgendwelche Intoleranzen, die eigentlich gar nicht da sind und belehren einen über Massentierhaltung, Schlachtungsmethoden oder zeigen sogar ekelige Fotos/Videos. Damit einem dann auch direkt der Appetit vergeht.“ Öhm, da war ich doch recht perplex. Eine so genaue Schilderung seiner Vorstellung hatte ich jetzt mal nicht erwartet.

Noch einen Schritt weiter gedacht: Wenn dieser Mensch immer so auf sein Stichwort reagiert, wiederholt er seine Aussage immer wieder. Was wir immer wieder wiederholen, glauben wir auch. Selbst wenn uns Beispiele/Belege fehlen. Es wird zur Tatsache (für uns). Außerdem gruselt es mich davor, dass ihm ein Mensch zuhört, der nicht weiß, was ein Veganer ist … und dann diese Worte glaubt. Passiert das häufiger, haben wir jede Menge überzeugte Menschen, die jedoch nicht einen einzigen Veganer kennen……

Dies ist jetzt nur ein Beispiel – übertragbar auf so viele Menschen/Situationen/Dinge. Nicht zuletzt auch auf das ständige brennende Thema in Deutschland: Migranten. (Über die Folgen kann sich jetzt jeder selbst seine Gedanken manchen).

Es geht mir gar nicht darum zu beurteilen, ob es vegan lebende Menschen gibt, die tatsächlich genau so militant durch die Gegend laufen. Aber aus EINER Person dann gleich ALLE zu machen…..

Fazit

Schubladen im Kopf mal auszumisten kann so wunderbar erweiternd für den eigenen Horizont wirken. Hier noch ein kleines Beispiel zum Schmunzeln:

In der Berufsschule in Bayern stehe ich mit zwei Mädchen auf dem Gang. Gemeinsam warten wir darauf, dass wir den Klassenraum betreten dürfen. Ein Mädchen hatte recht dunkle Haut und lange schwarze Haare. Innerlich tippte ich darauf, dass sie Inderin ist. Als ich sie anspreche, mache ich mich auf einen gebrochenen Akzent und ein schüchternes Auftreten gefasst. … Tja denkste! Mit einem fröhlichen, breiten Grinsen schallt es mir laut entgegen: „Hey griaß di. Moanst Du die brauchat no länga bis mia nei kennat?“ … Okay auch ein gebrochener Akzent irgendwie. Aber eben ein anderer. Ich habe so sparsam geguckt, dass sie noch sagte: „Host jetzt net damit grechnet, gell?!“ – „Nee wirklich nicht. Aber mega klasse!“ :-))