Früher war alles besser – eine Anleitung zuverlässig Kinder zu demotivieren

Als Kind habe ich diesen Satz recht häufig gehört und konnte ihn lange nicht einordnen. Verlässlich wurde ich im Laufe meines Lebens immer wieder daran erinnert. Daran, dass „heute“ alles schlecht ist. Daran, dass „damals“ eine Geburt noch natürlich ablief und es sich Frau nicht so einfach machen konnte (Kaiserschnitt). Daran, dass es „damals“ ja noch eine „richtige“ Kindheit gab. Daran, dass ich als „heutige“ Jugend eigentlich schon verloren habe. Wir bringen ja nichts auf die Reihe, können noch nicht einmal die Hände von unserem Smartphone lassen … ich muss aufhören, sonst wird mir wieder schlecht.

Vor knapp einer Woche steht eine dürre Frau vor mir. Ihr Alter ist schwer zu schätzen – die Zähne sind im schlechten Zustand, die strähnigen Haare stark blondiert mit schwarzem Ansatz, dicke Hautfalten im Gesicht und die Nägel gelb vom Nikotin (über den Körpergeruch möchte ich jetzt hier nichts näheres schreiben…). Und eben diese Frau steht vor mir und beschwehrt sich mit voller Überzeugung über die verwahrloste und  unfähige Jugend heutzutage … da fiehl mir nichts mehr ein.

Egal zu welcher Zeit, es stimmt einfach nicht!

Auf dem Stundenplan zu meinem Studium zur geprüften Präventologin und GLK-Trainerin steht auch das achtsame Sprechen. Für mich also genau der richtige Zeitpunkt, den von mir so verabscheuten Satz „Früher war alles besser.“ (und eben alles, was da so drumherum noch geäußert wird) genauer unter die Lupe zu nehmen.

Fakt ist, dass „damals“ NICHT alles besser war. Ob in der Steinzeit, im Mittelalter oder in der Weimarer Republick (und schon gar nicht im Dritten Reich) … stets waren die Lebensbedingungen deutlich härter als unsere heute. Wer Glück hatte, konnte sein Kind mit kundiger Unterstützung zur Welt bringen. Noch glücklicher konnten sich diejenigen schätzen, deren Kinder auch die ersten Jahre überlebten. Von klein an musste viel gearbeitet werden und die Erziehung generell war geprägt von Thesen, die wir heute als Misshandlung verstehen … Das merkwürdige ist jedoch, dass es in jeder Generation Menschen gibt, die der Meinung sind, sie wären die „bessere Jugend“ gewesen.

„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

(Sokrates, 469vChr – 399vChr)

Was dahinter steckt

Betrachten wir einmal diese Überzeugung ganz sachlich, so hat sie einen ganz wichtigen Sinn: Sie lässt uns auch in späteren Jahren wohlwollend auf unser bisheriges Leben zurückblicken. Sind es im Alltag und in der jüngeren Vergangenheit eher die negativen Ereignisse, die uns besser im Gedächtnis bleiben, ziehen wir im Laufe unseres Lebens immer mehr mit einem Weichzeichner über die Erinnerungen. Klar, es war und ist überlebenswichtig, dass wir uns daran erinnern, wenn wir uns eben an einer Frucht den Magen verdorben haben. Je näher wir jedoch unserem biologischen Ende kommen, desto wichtiger ist es ein positives Gefühl zu haben, wenn wir zurückschauen. Dass wir uns an einer bestimmten Frucht den Magen verderben können, wissen wir dann längst.

Mir geht es hier jedoch nicht um den sachlichen/wissenschaftlichen Teil. Er hilft mir lediglich dabei, nicht jedes Mal wütend zu werden, wenn ich „Früher war alles besser.“ höre.

Die Frage ist „Wie…“

Es ist wunderbar, wenn Ihr das Gefühl habt, dass Eure Kindheit/Jugend für Euch toll war. Dieses unvergleichliche Gefühl, wenn Ihr an das „Zurückspulen“ von Kassen denkt oder daran, dass Ihr nicht ständig per Smartphone erreichbar wart. Großartig.

Ein „Ich finde meine Kindheit war toll.“ ist ein positiver Satz, der „heutige“ Kinder und Jugendliche zum Zuhören animieren kann, wenn er mit Beispielen ausgeschmückt wird. Es wird gelacht und so manche Kuriosität wird bestaunt.

Wie wirkt hingegen ein „Früher war alles besser. Wir hatten nämlich noch eine richtige Kindheit.“ Oder „Also wir haben noch draußen gespielt und nicht die ganze Zeit vor der Glotze gehangen.“ … Also wenn ich mir meine Mutter vorstelle, die mir diesen Satz fünf mal am Tag entgegentrompetet …. ich käme aus dem Verdrehen meiner Augen nicht mehr heraus. Sie ernst nehmen oder gar mit ihr zusammen lachen? Nö, warum? Sie nimmt doch meine Kindheit auch nicht ernst.

Glaube ich der Meinung einiger Gesellschaftsforschern, gehöre ich zu der Xennial- Generation. Eine Gruppe, die zwischen zwei großen Generationen geboren wurde. Genauer gesagt, zwischen den End-Siebzigern und Mitt-Achzigern. Wir sind so irgendwie zwischendrin. Heute finde ich das fein. Ich kann mich an Zeiten ohne Handy und Navi erinnern, genieße aber die Vorteile, die eben diese Erfindungen heute mit sich bringen. Als Jugendliche allerdings war ich irgendwann der Meinung, einer absoluten Verlierer-Generation entsprungen zu sein. „Wir haben doch nichts auf die Reihe gebracht. All die tollen Erfindungen und bahnbrechenden Neuerungen kamen doch von den Generationen zuvor…“ So und jetzt mal kurz Luft anhalten und nachdenken. Stimmt diese Aussage? NEIN!

Bitte

Kinder haben die wundervolle Eigenschaft, die Welt bunt zu sehen. Sie wollen gestalten und erkunden. Nehmt ihnen bitte nicht diesen Elan durch solch unqualifizierten Sätze. Es ist schön, wenn Ihr mit Eurer Generation fein seid! Genießt das! Und gesteht Euren Kindern das auch zu!

Übrigens

In dem Moment, wo ihr die Generation Eurer Kinder als „unfähig“ und „verwahrlost“ bezeichnet (ob direkt oder durch die Blume), bezeichnet Ihr EURE Kinder als eben dies! Ist irgendwie fies, findet Ihr nicht?

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s