Warum sollte ich mich selbst lieben?

Sie sitzt vor mir. Ihre kurzen braunen Haare stehen wild vom Kopf ab. Die Augen verraten ihre Anspannung und die Gesichtsfarbe wechselt von einer winterlichen Blässe zu  hektischen roten Flecken. Sie quält sich, das kann ich ihr deutlich ansehen. Sie sieht mir nicht in die Augen, vielmehr geht ihr Blick verschämt in den Boden.

Diese Situation habe ich vor einigen Jahren erlebt, als ich mit einer Bewohnerin des Seniorenheimes sprach, in dem ich arbeitete. Ich war knapp 17 Jahre jung und überbrückte die Zeit vom Schulabschluss zum Beginn meiner Ausbildung mit einem Praktikum in eben diesem Seniorenheim.

Nennen wir die sonst sehr aufgeweckte, freundliche Dame einfach Hilde.

Hilde wirkt ein wenig fehl am Platz dort in dem Heim. Sie ist eigentlich noch ziemlich rüstig, doch ihr Körper möchte manchmal eben einfach nicht mehr so, wie sie es mag. Sie hat Parkinson und die einzigen Verwandten, die sie nach dem Tod ihres Mannes noch hat, sind dessen Kinder (ihre Stiefkinder). Diese wohnen weit weg und so wohnt Hilde nun eben hier.

Hilde und ich haben uns von Anfang an sehr gut verstanden. Sie ist freundlich und hat eine gewisse resolute Ader. Ich schätze das an ihr sehr und kann nun viele Jahre später sagen, dass sie mich damit geprägt hat. Die Gespräche mit ihr drehen sich immer wieder um die 11 guten Jahre, die sie mit ihrem Mann und dessen Kindern hatte. „Eine tolle Zeit.“ betont sie immer wieder mit einem wehmütigen Blick.

Wenn Hilde in Erinnerungen schwelgt, dann leuchtet sie förmlich von innen. Ihre Stimme bekommt eine wunderschöne Melodie und überhaupt scheint sie dann ihre Krankheit und die „kleinen Malörchen“ dann einfach zu vergessen.

Eben aus diesen Gründen hat mich das oben genannte Gespräch so tief bewegt. Es war das erste Mal, dass Hilde an ihre Kinderzeit zurückdachte. Eigentlich war das gar nicht so geplant. Ich hatte in meinem jugendlichen Leichtsinn lediglich etwas aus meinem Privatleben daher geplappert. Was genau es war, kann ich heute gar nicht mehr sagen. Ich meine, es ging um meine Pläne, eines Tages woanders meine Zelte aufschlagen zu wollen und, dass ich meine Spontanität an mir liebe.

Beim Wort „liebe“ schaute sie mich verdutzt an. „Wie kann man sich selbst für etwas lieben?“ – „Warum nicht? Du bist doch der wichtigste Mensch Deines Lebens.“ – „Warum solle ich mich selbst lieben? Da müsste ich mich doch schämen.“

Was da genau in ihrer Kindheit passiert ist, dazu kamen wir nicht mehr. Ich wurde über einen längeren Zeitraum krank und kehrte danach nicht mehr in das Heim zurück. Es liegt mir absolut fern, diese tolle Dame für irgendetwas zu verurteilen und schon gar nicht wollte ich sie damals belehren. Es war eine andere Zeit, in der sie aufgewachsen ist. Die Sorgen und Nöte waren anders. Manche Eltern haben es sicherlich geschafft, trotz aller Herausforderungen, Liebe und Selbstliebe zu vermitteln, doch eben nicht alle.

Ein ganzes Leben lang werden diese Menschen beeinflusst von diesen für mich erschütternden Erlebnissen.

Doch wisst Ihr was Mut macht? WIR haben es in der Hand. WIR, die heute Eltern sind. Denn: Auch die positiven Ereignisse bleiben für das ganze Leben.

Nutzt diese Chance. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde…..

Anmerkung: Aus Respekt habe ich Person und Lebensgeschichte etwas verändert. Doch die Kernaussage ist so wirklich geschehen.

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