Ziel nicht geschafft und gerade deswegen gut fühlen …. das geht

Heute regnet es im Kreis Recklinghausen und auf der Fahrt zum Büro denke ich an einen Marathon-Lauf in Hamburg. 2015 und es war mein vierter und letzter Marathon. Ich hatte mir vorgenommen, dieses Mal unter 4 Stunden ins Ziel zu kommen. Für viele ist das recht easy zu erreichen, für mich war es jedoch eine recht große Herausforderung.

Dennoch oder gerade deswegen fühlte ich mich großartig und war für mein Vorhaben ideal vorbereitet. Die drei Marathon vorher hatten mich – mental und körperlich – schon sehr verändert. Ich konnte sehr gut allein lange Strecken laufen und empfand dies als entspannend. Meine Ernährung war ideal auf mein Ziel abgestimmt und all das funktionierte ohne, dass ich es als Last oder als besonderen Zustand/Prozess empfand. Es war mein Alltag.

In Hamburg lief alles wie am Schnürchen und zusammen mit meinem Laufvater (der verrückte Kerl, der mich zum Marathon brachte) lief ich los. Was bis Kilometer 11 passierte, weiß ich nicht mehr, dieses dann auftretende seltsame Gefühl im rechten Fuß habe ich dagegen noch sehr gut in Erinnerung. Ich schaute an mir runter und merkte, dass ich vergessen hatte meine Socken zu tauschen. Ich hatte spezielle Laufsocken ohne Nähte …. und die lagen noch in meinem Koffer. Ich hatte stinknormale Socken an und dieses seltsame Gefühl am rechten Fuß war das Entstehen einer heftigen Blase.

Blasen am Fuß sind in normalen Schuhen im Alltag vollkommen harmlos. Sobald wie möglich Schuhe aus, Blase versorgen und innerhalb kurzer Zeit ist alles gut. Beim Marathon jedoch kann die Blase den Abbruch eines Laufes bedeuten … zumindest, wenn man nicht nachhaltige Schmerzen durch Fehlbelastung und eine eventuelle Infektion riskieren möchte. Insbesondere in einem so frühen Stadium des Laufes mit matschigen Schuhen an den Füßen!

Während eine leichte Unruhe in mir aufkam und ich beginnen wollte Pro und Contra abzuwiegen, hörte ich meinen Namen. „SUSANN DU PACKST DAS!“ Irgendjemand in der Menschenmenge am Rand hatte mein Namensschild gelesen, vielleicht auch meine Mimik gesehen und sich dazu animiert gefühlt, mir Mut zu zusprechen. Das ist bei solchen Läufen nichts Ungewöhnliches, doch genau zu diesem besonderen Zeitpunkt war es das Beste, was mir hat passieren können. Der Schmerz an meinem Fuß blieb gerade noch so präsent, dass ich weiterhin achtsam damit umgehen konnte (no Risk and a lot of fun) aber eben nicht so heftig um abzubrechen. Fortan hangelte ich mich von Motivationspunkt zu Motivationspunkt. Ob es der Ruf aus der Menschenmenge war, ein freundliches Lächeln eines anderen Läufers oder eines meiner Lieblingslieder, das gerade von einer Band am Straßenrand gespielt wurde … ich lief weiter und weiter.

Alles spielte sich ein und ich war mit mir gut beschäftigt … bis mein Laufvater plötzlich seinen Blick veränderte und sagte: „Da war er… der Mann mit dem Hammer.“ ganz plötzlich war bei ihm die Luft raus…. bei Kilometer 28. Es ging ihm gut, nur das Tempo musste er rausnehmen um weiterlaufen zu können. Dieses Phänomen ist bei Läufern gut bekannt und manchmal auch gefürchtet. Dieses plötzliche Motivationstief kann – verstärkt durch ein körperliches Tief – dazu führen, dass nichts mehr geht.

Wir beschlossen, dass ich das Tempo halte und allein weiterziehe. Was ich dann auch für weitere 2 Kilometer tat. Was genau der Grund war, weiß ich nicht, doch ich ließ mich wieder zurückfallen und kehrte an seine Seite zurück. Dies war kein heroischer Akt, denn er hätte den Lauf auch ganz alleine prima gepackt. Es fühlte sich einfach für mich nicht richtig an. Mein Ziel (4 Stunden zu unterbieten) war ohnehin zu diesem Zeitpunkt schon recht knapp und es hätte bedeutet, die letzten Kilometer wirklich absolut Vollgas zu geben …. ungewiss, ob es noch klappt. Vielleicht aber vielleicht auch nicht. Was aber klappen würde, das wusste ich gewiss, war ein toller Zieleinlauf bei ca. 4 Stunden und 10 Minuten mit einem vertrauten Menschen an meiner Seite.

Dann begann es zu regnen. Schnell weichte unsere dünne Funktionskleidung durch. Rückblickend kann ich sagen, dass ich ein paar tolle Läufe bei strömendem Regen absolviert habe – und dieser hier zählt da absolut dazu. Wir lachten viel, motivierten uns gegenseitig und hatten einen tollen Zieleinlauf! Ich war trotz allem nicht an meine Leistungsgrenze gegangen und das fühlte sich igendwie doppelt so gut an. Nach einem Marathon im Ziel zu sein und theoretisch noch weiterlaufen zu können…. hat was.

Nach der Medaillenübergabe stehe ich neben meinem Laufvater und schaue auf meine Füße. Er als erfahrener Läufer weiß sofort was los ist und fragt nur noch „Blase? Seit wann?“ Ich anwortete nichts und zog auch nicht meine Schuhe aus. Ich WUSSTE, die Blase war riesig und ich WUSSTE, sie war nicht geplatzt. Woher? Keine Ahnung, ich wusste es halt. Mein Körper und ich waren eine perfekte Einheit, wäre es ernst gewesen hätte ich das gewusst und hätte rechtzeitig reagiert.

Warum ich das schreibe?

Es geht nicht immer darum, unbedingt DIESES EINE ZIEL zu erreichen. Manchmal lohnt der Blick nach links und rechts … da warten manchmal auch tolle Ziele …. und das Ziel vor Dir muss dann ja nicht unbedingt weg sein. Vielleicht hilft Dir das Erreichen dieser anderen Ziele dabei, Dein ursprüngliches Ziel dann doch noch zu erreichen?

UND: LERNE DICH KENNEN! Wenn Du weißt, wie Du aufkommende Gefühle werten und behandeln kannst, damit Sie Dir nicht im Weg stehen, sondern Dir gut tun, dann kann das Dir auf Deinem gesamten Lebensweg eine große Hilfe sein!

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